Verschwörungstheorien erfüllen für diejenigen, die an sie glauben, wichtige identitätsstiftende Funktionen; sie sind aber meist auch als Symptome für reale oder als real empfundene und mitunter durchaus legitime Sorgen, Nöte und Missstände. Entsprechend ist es wenig sinnvoll, wenn im persönlichen Umgang auf Fakten insistiert oder gesamtgesellschaftlich nur die Symptomebene adressiert wird. Der Vortrag wird dagegen Vorschläge für einen zielführenderen Umgang auf unterschiedlichen Ebenen machen. Michael Butter ist Professor für amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen und ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Zu seinen Veröffentlichungen gehören „Nichts ist, wie es scheint“: Über Verschwörungstheorien (Berlin: Suhrkamp, 2018), eine allgemeine Einführung ins Thema, die in mehrere Sprachen übersetzt wurde, und "Die Alarmierten: Was Verschwörungstheorien anrichten" (Berlin: Suhrkamp, 2025).
Während der letzten Regierung der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) hat Polen eine tiefgreifende politische, institutionelle und gesellschaftliche Umgestaltung durchlaufen. Eine Verschärfung der gesellschaftlichen Polarisierung sowie eine starke Betonung der nationalen Souveränität trafen auf Protest aber auch Unterstützung im In- und Ausland. Der Vortrag geht der Frage nach, wie die PiS innerhalb kurzer Zeit Rechtsstaat und Demokratie in Polen nachhaltig veränderte und mit welchen Strategien die aktuelle Regierung unter Donald Tusk diesem Erbe begegnet. Mareike zum Felde ist Chefredakteurin der Vierteljahreshefte zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung an der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen. 2025 promovierte sie an der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen zu politischen Eliten und Hochschulpolitik in Polen nach 1989. Zuvor schloss sie den Elitestudiengang Osteuropastudien mit dem Schwerpunkt Vergleich politischer Systeme an der Ludwig-Maximilians-Universität München ab.
Der Vortrag behandelt das Verhältnis von Geschlechterverhältnissen und Demokratie: Autoritäre und autokratische Regime untergraben Geschlechtergerechtigkeit, wie sie für demokratische Gesellschaften wesentlich ist, indem sie queere Lebensweisen delegitimieren, eine vermeintlich natürliche Geschlechterordnung verfestigen und damit demokratische Errungenschaften unterlaufen. Aktuelle Beispiele aus Ungarn, den USA oder Deutschland zeigen, dass antifeministische Strömungen und Angriffe auf queere Menschen nicht nur verfassungsgemäße Grundrechte verletzen, sondern ein zentrales Instrument zur Normalisierung autoritärer Politik darstellen. Studiendaten bestätigen, dass antifeministische und transfeindliche Einstellungen vor allem im rechten politischen Spektrum verbreitet sind und die Demokratie von innen gefährden. Franziska Martinsen ist Professorin für Politische Theorie und derzeit Geschäftsführende Direktorin am Institut für Politikwissenschaft der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät, Universität Duisburg-Essen. Zudem ist sie dort Vorstandsvorsitzende des fakultätsübergreifenden Forschungszentrums Centre for Global Cooperation. Sie hat zu vielfältigen Themenstellungen der Radikalen Demokratietheorie, zur kritischen Erweiterung des Menschenrechtsdenkens, zur feministischen Politischen Theorie und zur politikwissenschaftlichen Geschlechterforschung publiziert.
Wahlergebnisse und aktuelle Umfragen machen es sichtbar: Krisen verunsichern. Während das Vertrauen in die gemäßigten Parteien sinkt, erhalten antipluralistische Kräfte deutlichen Zulauf. Das ist nicht allein die Schuld der digitalen Netzwerke, aber diese erleichtern das Geschäft der Krisenprofiteure. Im Vortrag werden die Ursachen für den Vertrauensverlust analysiert und aufgezeigt, warum nicht nur die gemäßigten Parteien sowie die klassischen Medien, sondern immer mehr auch unser demokratischer Verfassungsstaat unter Druck geraten. Es geht um die Auswirkungen der sog. „Brandmauer“ und um die Frage, wie wir unseren demokratischen Verfassungsstaat vor einem Abgleiten in ein System des sog. „sanften Autoritarismus“ schützen können. Prof. Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing und (beurlaubte) Professorin für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr München, ist einem breiteren Publikum als „Stammgast“ beim Sonntags-Stammtisch im Bayerischen Rundfunk bekannt.
Der Klimawandel, absehbar knapper werdende Ressourcen, politische Handlungsfähigkeit, Sinnkrisen sowie die Digitalisierung lassen das industrielle Wohlstandsmodell erodieren. Folglich sind die Möglichkeiten einer Postwachstumsökonomie auszuloten. Demnach wäre ein prägnanter Rückbau industrieller und globaler Produktionsketten vonnöten. Suffizienz, moderne Subsistenz und Regionalversorgung wären entscheidende Gestaltungsoptionen. Zudem wäre das Leben in einer Postwachstumsökonomie sesshafter, also an kerosinfreiem Glück orientiert. Niko Paech studierte Volkswirtschaftslehre, promovierte 1993, habilitierte sich 2005, lehrt derzeit als außerplanmäßiger Professor an der Universität Siegen im Bereich Plurale Ökonomik. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen insbesondere Klimaschutz, Produktionswirtschaft, nachhaltiger Konsum, Ökologische Ökonomik, Sustainable Supply Chain Management, Innovationsmanagement und Postwachstumsökonomik.
Der Großteil unserer Debatten über Migration aus Afrika setzt beim Ankommen in Europa an, obwohl die entscheidenden Weichen viel früher gestellt werden. Der Vortrag zeigt, wie Krisen und Zukunftserwartungen, wirtschaftliche Perspektiven, soziale Netzwerke, Information, Risiken und rechtliche Hürden zusammenwirken und warum Binnenmigration meist wichtiger ist, als es der europäische Blick vermuten lässt. Abschließend geht es darum, welche Schlussfolgerungen sich daraus für die deutsche und europäische Migrations- und Entwicklungspolitik ergeben. Prof. Dr. Tobias Heidland ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Kiel und Leiter des Forschungszentrums „Internationale Entwicklung“ am Kiel Institut für Weltwirtschaft. Er forscht zu Migration, globalen Kapitalströmen und wirtschaftlicher Entwicklung, insbesondere in Afrika, berät die Politik zu entwicklungsökonomischen und migrationspolitischen Fragen und tritt zu diesen Themen auch medial auf.
Die brasilianische Regierung strebt eine Weltordnung an, die sich auf das Völkerrecht stützt und Multipolarität mit starkem Multilateralismus verbindet. Im Einklang damit verweigert sich das südamerikanische Land Blockbildungen, engagiert sich im System der Vereinten Nationen und beteiligt sich an minilateralen Foren wie BRICS+. Der Vortrag behandelt die Rolle dieser Staatengruppe in den internationalen Beziehungen Brasiliens sowie die Widersprüche und Herausforderungen, die sich aus den außenpolitischen Prioritäten des Landes in einer geopolitisierten Welt ergeben. Dr. Claudia Zilla ist Politikwissenschaftlerin und Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), dem Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin. Seit 2005 ist sie Mitglied der SWP-Forschungsgruppe Amerika, deren Leitung sie von 2012 bis 2019 innehatte. In den Jahren 2014/2015 war sie Fritz-Thyssen-Fellow am Weatherhead Center for International Affairs der Harvard University in Cambridge, Massachusetts. Sie studierte und promovierte an der Universität Heidelberg. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt regional auf Lateinamerika, insbesondere Südamerika, sowie auf den deutsch- bzw. europäisch-lateinamerikanischen Beziehungen.
Im Verlauf der Pandemie und anhaltender Krisenerfahrungen hat sich das politische Vertrauen in Deutschland stark verändert. Welche gesellschaftlichen Gruppen waren hier besonders betroffen? Wie hängt dies mit der Verbreitung von Verschwörungserzählungen zusammen? Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen bis heute? Weshalb ist politisches Vertrauen für gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig? Dr. Steffen Wamsler ist Politikwissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator des Projekts „Politische Einstellungen und politische Partizipation in Folge der Covid-19 Pandemie“ am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg. Das Projekt befasst sich mit Veränderungen z.B. im politischen und sozialen Vertrauen, Verschwörungsgläubigkeit oder politischer Selbstwirksamkeit im Rahmen der Pandemie und zusammenhängender sozialer Ungleichheiten. Neben diesen Themen forscht Steffen Wamsler auch zu Populismus, Emotionen in der Politik und Einstellungen zur Demokratie.
Immer wieder gerät der Iran in die Schlagzeilen, durch sein Atomprogramm, die Unterstützung terroristischer Gruppen oder die gewaltsame Unterdrückung jeglichen Widerstands im eigenen Land – und in letzter Zeit auch durch kriegerische Auseinandersetzungen mit Israel und den USA. Dieser Vortrag konzentriert sich auf das politische und rechtliche System der Islamischen Republik und die Verletzung der Menschenrechte im Land sowie die Personengruppen, die besonders davon betroffen sind. Im besonderen Fokus: die Unterdrückung von Frauen und Minderheiten, politische Haft und Folter und die Anwendung der Todesstrafe. Der Referent, Dieter Karg, ist Sprecher der Iran-Koordinationsgruppe von Amnesty International Deutschland. Die Gruppe ist das Bindeglied zwischen Amnestys Ermittlungsabteilung in London und den lokalen Amnesty-Gruppen, unterstützt sie bei ihren Aktionen, leitet Informationen weiter und beantwortet Anfragen von Medien. Dieter Karg ist Lehrer und Übersetzer im Ruhestand, wohnt in Leipzig, ist verheiratet mit einer Iranerin und hat zwei Kinder.
Noch heute ist unser Bild von Hitler stark von historischen Fotografien geprägt. Den weitaus größten Teil davon schuf Heinrich Hoffmann, seit den 1920ern Hitlers Leibfotograf und enger Vertrauter. Gemeinsam inszenierten sie den Diktator so, wie es die Propaganda erforderte: mal als fürsorglichen Volkskanzler, mal als martialischen Feldherren. Der Vortrag bietet einen Blick hinter die Propagandabildwelten und zeigt anhand von Hoffmanns Wirken, wie die Aufnahmen inszeniert, teils auch manipuliert und massenhaft verbreitet wurden, um den Diktator ins rechte Licht zu setzen. Und er geht darauf ein, wie die Bilder nachwirken und welche Tricks der Fotopropaganda bis heute fortleben. Dr. Sebastian Peters ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator für die Dokumentation Obersalzberg am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Er forscht u.a. zum Thema Propaganda im Nationalsozialismus. 2025 erschien dazu seine Dissertation, eine Biografie von Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann.
Zwischen den Straßen Teherans, den umkämpften Vierteln Beiruts und den zerstörten Städten im Gazastreifen verdichten sich die Spannungen zu einem explosiven Geflecht aus Machtkämpfen, Vergeltungsschlägen und geopolitischen Rivalitäten. Während die Islamische Republik Iran um den Machterhalt kämpft, der Libanon unter der Last innerer und äußerer Konflikte ächzt und im Gazastreifen die humanitäre Lage dramatisch eskaliert, rückt die gesamte Region gefährlich nah an einen neuen Wendepunkt. Die Frage ist längst nicht mehr, ob sich die Lage zuspitzt – sondern wohin diese Dynamik die Menschen im Nahen Osten als Nächstes treibt. Der Politikwissenschaftler und Historiker Dr. Jochen Zellner ist Stellvertretender Leiter der Europäischen Akademie Bayern e. V. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen u. a. der Nahe und Mittlere Osten, die Staaten und Systeme in Afrika, die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie Extremismus und Populismus in Europa.
Politik verändert sich rasant – neue Krisen, Konflikte und Debatten entstehen oft kurzfristig. Diese Veranstaltung setzt genau dort an: Sie orientiert sich an aktuellen Ereignissen und Brennpunkten. Oder sie zeigt Brennpunkte der Weltpolitik auf, die fast schon vergessen erscheinen, da sie nicht (mehr) in den Medien berichtet werden, aber nach wie vor hochbrisant sind. Das konkrete Thema wird wenige Wochen vor dem Termin entschieden. Mit diesem Vorgehen können wir flexibel auf neue Entwicklungen reagieren, sie einordnen, analysieren und diskutieren. Der Politikwissenschaftler und Historiker Dr. Jochen Zellner ist Stellvertretender Leiter der Europäischen Akademie Bayern e. V. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen u. a. der Nahe und Mittlere Osten, die Staaten und Systeme in Afrika, die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik, sowie Extremismus und Populismus in Europa.
Seit der Einführung von ChatGPT Ende November 2022 hat sich generative künstliche Intelligenz rasant verbreitet und findet in vielen gesellschaftlichen Bereichen Verwendung. Diese Entwicklung wird von großer Aufmerksamkeit, aber auch Hoffnungen und Ängsten begleitet. Was davon ist begründet, was der Aufregung und dem Hype um die neue Technologie zuzuschreiben? Im Vortrag wird aus der Perspektive der Technikfolgenabschätzung ein Blick auf generative KI geworfen. Anhand von konkreten Anwendungsfällen wie z.B. Deepfakes soll eingeordnet werden, was sich über die Auswirkungen mittlerweile wissen lässt und wie ein verantwortungsvoller Umgang mit der Technologie gestaltet werden kann. Steffen Albrecht berät als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Büros für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages die Abgeordneten zu den Auswirkungen neuer Technologien, insbesondere im Bereich Digitalisierung und Künstliche Intelligenz.
Pandemien, veränderte sicherheitspolitische Lagen, Extremwetterereignisse - der Bevölkerungsschutz steht immer wieder vor neuen oder sich ändernden Herausforderungen. Daraus entsteht eine Aufgabe: Der Bevölkerungsschutz muss sich stetig weiterentwickeln. Wie fordert der Klimawandel beispielsweise die Akteure im Bevölkerungsschutzsystem, sich an stetig wandelnde äußerliche Bedingungen anzupassen? Und was genau treibt unter der Wasseroberfläche der klassischen Gefahren von Starkregen oder Dürren? Wie sehr sind wir eigentlich von Kritische Infrastrukturen (KRITIS) abhängig? Welche Rolle spielt der Weltraum bei diesen Überlegungen? Im Vortrag werden diese zwei Perspektiven als Beispiele für aktuelle Arbeiten des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe dargestellt. David Zabala Gepp ist beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) tätig. Sein Studium der Politikwissenschaften hat er in Bonn absolviert und mit einem Master of Arts abgeschlossen. Fokus seiner Interessen und Publikationen ist die Abhängigkeit moderner Gesellschaften von Weltrauminfrastruktur. René Kwiatkowski ist beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) tätig. Sein Studium der Geographie hat er in Bonn absolviert. Den Abschluss hat er mit dem Schwerpunkt „Umweltsysteme im Wandel“ mit dem Master of Science abgelegt. In seiner Arbeit befasst er sich mit dem Thema „Bevölkerungsschutz im Klimawandel“.
